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Alt 16.01.2008, 19:58   #1
DanielaJ
Retterin in der Not
 
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Standard Hauptfeldwebel Paul - von den Strassen der Türkei auf unsere Couch

Paul stammte ursprünglich aus der Türkei. Er kam mit knapp 1,5 Jahren nach Deutschland, nachdem ihm dort von einer Truppe „wohlmeinender Tierfreunde“ ein Vorderbein mit einem Stock mehrfach gebrochen wurde und mit einem scharfen Gegenstand mehrere Stich- und Schnittwunden zugefügt wurden. Kurz: er war eigentlich fertig mit der Menschheit…..

Als Claus ihn damals bei der Pflegestelle das erste Mal sah, hat Paul jedoch aus irgendeinem Grund beschlossen, es noch mal mit Zweibeiner zu versuchen. Tja, und somit begann sein Weg ins neue Leben. Oder auf unsere Couch. Wie auch immer man das betrachten möchte. :-)


Das war unser Problem:

1. Menschen
Menschen war nicht zu trauen. Egal ob Mann, Frau oder Kind, wer sich zu schnell näherte, wurde abgeschnappt. Heftige Bewegungen mit den Armen oder Beinen führten dazu, dass er sich hinwarf und Urin abliess.

2. Laute Geräusche und Umweltsicherheit
Alles, was er nicht klar einordnen konnte, führte dazu, dass er sich unter dem Bett verkroch.
LKWs, Traktoren, Züge, Motorräder, – alles Gründe, bei Spaziergängen sofort umzudrehen, nach Hause zu düsen und sich zu verstecken.
Gleiches galt für derart dubiose Dinge wie Staubsauger…. Nur das dieser sich leider prinzipiell in „seiner“ Wohnung aufhielt und somit für regelrechte Panikattacken sorgte.

Das war unsere Lösung:

1. Menschen
Menschen wurden im Ansatz schön gefüttert. Dabei wurden Leute, die Interesse zeigten, sich Paul zu nähern, instruiert, sich nicht über ihn zu beugen, ihn das Tempo bestimmen zu lassen und sich erst mal passiv zu verhalten.
Paul wurde für ruhige Kontaktaufnahme bestätigt. Da er sehr verfressen war, konnte er mit der Zeit selbstbewusster auf Menschen zugehen.

Nach gut 2 Jahren konnten ihn Kinder recht problemlos anfassen (zu hektischen Kindern wich er einfach aus), Frauen, die sich ruhig näherten, durften ebenfalls Streicheleinheiten geben. Heute stellen beide Gruppen kein Problem mehr dar.

Bei Männern entschied der Individualfall, sie sind jedoch nach wie vor, auch noch nach gut 4,5 Jahren, in seinen Augen nur bedingt vertrauenswürdig.
Er ist jedoch von seiner Grundtendenz her so eingestellt, dass er Ärger lieber aus dem Weg geht und sich somit einfach dem Kontakt entzieht.
Ruhiges Abwarten in kurzer Entfernung wird wiederum von uns belohnt, sich vorsichtig Annähern ebenfalls, sowie das Zulassen von direktem Kontakt. Männer sind jedoch angehalten, den Kontakt erst mal kurz zu halten und die Hände nicht hastig zu bewegen bzw. wenn, dann bitte erst mal nur seitlich am Hals oder direkt hinter dem Ohr zu kraulen.

Wer sich nicht an unsere Anweisungen hält, wird rigoros von uns abgeblockt/abgedrängt.

2. Laute Geräusche
Paul wurde bewusst immer wieder mit bestimmten Geräuschpegeln konfrontiert. Das fing damit an, dass im von ihm am weitesten entfernt gelegenen Raum auf einmal beiläufig Bücher vom Tisch fielen, Gegenstände fallen gelassen wurden, etc.
Blieb er ruhig, wurde er von der im Zimmer mit ihm anwesenden Person bestärkt. War man alleine mit ihm und diese Möglichkeit ergab sich nicht, wurde er einfach ignoriert.
Nach und nach näherte man sich ihm an, bis man heute in den meisten Fällen Dinge neben ihm fallen lassen kann und er in der Regel nur einen kleinen Schritt zu Seite macht. Wobei der Moment, in dem er sich wieder entspannt, sofort bestätigt wird (zugegeben, es hilft, dass ich etwas tollpatschig bin. Wir haben somit enorm viele Trainingsmöglichkeiten und er hat schnell kapiert, dass zu mir ein gewisser Lärmpegel gehört… *hüstel*).
Der Staubsauger kam in der ersten Zeit nur dann zum Einsatz, wenn er draussen im Garten war. Dazu gab es eine gewisse „Staubsaugprozedur“:
Seine Kuschelkissen kamen vor die Tür und er knuddelte sich mit etwas Knabbereien hinein, während man drinnen hantierte. So behutsam an die Geräusche des Staubsaugers gewöhnt, war der nächste Schritt, zu saugen, während er in der Wohnung war. Dazu wurde immer nur im ihm jeweils entferntesten Zimmer gesaugt. Nach und nach näherten wir uns an, wobei wir darauf achteten, dass er genug Zeit hatte, sich unser Treiben immer erst aus der Entfernung anzusehen. Blieb er dabei ruhig – Jackpot! Wurde er unruhig, wurde die Distanz wieder vergrößert und ein Entspannen wiederum mit einem Jackpot belohnt. Nach und nach war es dann möglich, sich ihm anzunähern. Nach jahrelangem intensivem Staubsaugertraining bleibt er heute nahezu völlig entspannt, während die Staubsaugerdüse um ihn herumwerkelt.

Geräusche draußen, die zu Extremreaktionen führten, wurden nicht beachtet. Erst, wenn er wiederum etwas entspannter wurde, wurde bestärkt/geclickt, so dass er sich nach und nach bei unheimlichen Dingen einem mehr und mehr zuwandte. Doch auch heute ist es nach wie vor so, dass Dinge, die Panik auslösen können, dazu führen, dass er schnurstracks nach Hause rennt und sich unter dem Bett verstecken möchte. Kam das früher 2-3 Mal die Woche vor, ist es heute nur noch 1-2 Mal im Jahr.

LKWs und Co wurden zu Anfang des Trainings aus der Entfernung betrachtet. Blieb er ruhig, wurde er belohnt. Und nach wenigen Wiederholungen wurde die Distanz reduziert. Heute weicht er lediglich ein paar Schritte zur Seite und wird wiederum belohnt, sobald seine Anzeichen für Anspannung nachlassen.

Sonstiges:

Es gab und gibt viele andere Probleme, die alle aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würden. Daher einfach nur mal grob zusammengefasst die wichtigsten Punkte.

Heute ist Paul dank des Clickertrainings bzw. der Kombination von schrittweiser Desensibilisierung mit Gegenkonditionierung ein für seine Verhältnisse recht entspannter Knabe. Es gibt immer noch viele Dinge, die ihm unheimlich sind.
Regelrechte Panikanfälle jedoch hat er nur noch, wenn er die Kombination Straßenlärm + türkisch vernimmt. Dann kann es unter Umständen sehr lange dauern, bis er wieder aus seinem Schneckenhaus kommt.
Leute mit Kopftuch und lauthals und wild gestikulierende Individuen sind ihm ebenfalls sehr suspekt - er macht lieber einen sehr großen Bogen herum und versinkt für den Rest des Tages in dumpfes Brüten. Auch hier wieder: beruhigt er sich/zeigt er erste Anzeichen für Entspannung, wird belohnt.

Generell kann man sagen, dass er seine Traumata recht gut überwunden hat. Das, was heute noch problematisch ist, wird von Tag zu Tag besser. Er wird mit Sicherheit nie ein absolut ausgeglichener Kandidat ohne Kummer und Sorgen sein. Aber ist auf einem sehr guten Weg dorthin.

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